Gut gepolstert: Warum weibliches Design in Arbeits- und Lebenswelten boomt

Das Sofa der Zukunft soll an eine warme Steppdecke erinnern, weil es uns in der rauen Welt Schutz bieten soll. Sagte die Niederländerin und bekannteste Trendforscherin der Welt, „Li“ Edelkoort, vor einem Jahr (Focus 16/2015, S. 122).

Lidewij Edelkoort

Lidewij Edelkoort

Die Sehnsucht nach einem gepolsterten Leben in einer kälter werdenden Welt zeigt sich auch im gegenwärtigen Matratzenboom. Davon abgeleitet sind Kissen, Polsterstühle oder Sofas. Hier lassen wir uns umso tiefer fallen, wenn uns die Welt draußen buchstäblich nicht mehr hält. Wie kaum ein anderes Möbelstück erleben wir hier unsere Eingesunkenheit zwischen Träumen und Wachen.

Die bekannteste Couch der Welt ist die von Sigmund Freud. 2006 wurde ihr zum 150. Geburtstag des Psychoanalytikers sogar eine Ausstellung gewidmet. „Es war, als öffnete die Couch mit ihren üppigen Kurven, dicken Polstern und bauschigen Kissen einen eigenen Raum innerhalb des Wohnzimmers.“
An diesem Rückzugsort findet man(n) Ruhe oder „ein kommunikatives Miteinander“. In Kunst und Literatur tauchen textile Architekturen wie Kissen und Matratzen immer wieder in verschiedenen Weiblichkeitsfantasien oder Phantasmen zum (weiblichen) Körper auf.

Gemütlich, nachhaltig und behaglich

Im Sammelband „Matratze/Matrize. Möblierung von Subjekt und Gesellschaft“ (transcript Verlag) von Irene Nierhaus und Kathrin Heinz finden sich dazu etliche Beispiele. Als „weibliches Design“ gelten rund geformte Sofas. Freud und andere Psychologen entdeckten, dass etwas mit Frauen und Männern geschieht, wenn sie sich auf eine Couch sinken lassen: Sie verwandelt sich in ein Schiff, „das in die Welt hinaussegelt“.

Zudem vermittelt sie Behaglichkeit und fungiert gleichzeitig als Durchlass zur Welt und weitschweifigen Gedanken. Das Sofa ist für viele das geschützte „Mehr“ im persönlichen Raum, das eine Gegenwelt zum unendlichen „Meer“ der Digitalisierung und zunehmenden Komplexität darstellt.

Beim Kauf persönlicher Liegewelten wird zunehmend nicht nur auf eine gute Polsterung, sondern auch auf folgende Aspekte geachtet: die Verbindung von Emotion und Individualität Handwerk, Funktionalität und ökologische Verträglichkeit beste und faire Qualität der Textilien natürliche Farben. Da Wohntextilien direkten Hautkontakt haben, achten immer mehr Menschen darauf, dass sie frei von Schadstoffen sind. Das bestätigt die Nachhaltigkeits- und Kommunikationsexpertin Claudia Silber.

Faire und soziale Handels- und Arbeitsbedingungen

g-o-t-s-siegelKriterien, auf die beim Kauf geachtet werden sollte, finden sich auf Nachhaltigkeitsportalen wie memolife. Hier wird beispielsweise auf GOTS-zertifizierte oder mit Fairtrade Cotton ausgezeichnete Textilien verwiesen, die faire und soziale Handels- und Arbeitsbedingungen in der Produktion versprechen. Gemütlichkeit und Nachhaltigkeit müssen sich nicht ausschließen. Mit „Kissen für Sofa und Sessel, oder mit einer Wohndecke aus weicher Bio-Baumwolle“ kann man(n) sich „an kühlen Abenden so richtig schön einkuscheln“, heißt es auf der Website.

Von der Blauen Blume zum Blauen Sofa: Business-Romantik

„Einladende“ Möbel ziehen auch verstärkt in moderne Bürowelten ein. „Li“ Edelkoort sagt voraus, dass in Zukunft Erdtöne – braun bis Ocker – eine größere Rolle spielen werden. Auch die Signalfarbe rot findet sich häufig in Büros. Schwarz hat es allerdings schwer, weil damit Bedrohung und Pessimismus assoziiert werden.

Edith Stork

Edith Stork

Für die Aufräum- und Einrichtungsexpertin Edith Storck spielt die Farbe Blau im Büro eine wichtige Rolle: Seit 1962 sammelt sie alles darüber. Auf die Frage „Was ist für Sie eine blaue Welt?“ antwortet sie auf der Website Gesichter der Nachhaltigkeit, dass „Es blaut die Nacht“ (Händels Arie der Cleopatra) ihre erste liebste Bläue, gesungen von Felicitas Palmer, ist. Auch die blauen Gedichte von Else Lasker-Schüler, “Mein blaues Klavier“, gehören für sie dazu, ebenso das Azurgottesblau von Chagall oder die blaugekritzelten Badewannen von Jan Fabre: „Es gibt etwa 15.000 Blaus auf unserem blauen Planeten. Bücher, die das Blau zitieren, Ausstellungen dazu in Heidelberg…“

Die Farbe Blau hat für das Auge eine sonderbare Wirkung, weil sie als Farbe eine starke Energie hat: „Wie wir den hohen Himmel, die fernen Berge blau sehen, so scheint eine blaue Ferne vor uns zurückzuweichen – wie wir einen angenehmen Gegenstand gern verfolgen, so sehen wir das Blau gerne an. Das schrieb Goethe in seiner Farbenlehre.“

Die Blaue Couch

Gabi Fischer u. Conny Glooger auf der Blauen Couch | Bild: BR

Gabi Fischer u. Conny Glooger | Bild: BR

All dies prägt auch ihr Büro. Es ist spartanisch eingerichtet, mit quadratischem Tisch mit einer Schublade „für den Krimskrams und Stifte“, ein bis drei Besucherstühle aus verschiedenen Epochen der Bürowelt, ein ergonomisch gut gemachter Bürostuhl, eine fahrbare PC-Konsole, um den Arbeitstisch zu „befreien“, ein Regal von Boden bis zur Decke für Ordner sowie Bücher und andere Sammlungen: „An der freien Wand steht ein Blaues Sofa (!) zweisitzig und auf einem Beistelltisch eine italienische Kaffeemaschine.



Auch beim Bayerischen Rundfunk gibt es „Die Blaue Couch“ – eine Radiosendung mit den Moderatorinnen Gabi Fischer und Conny Glogger sonntags auf Bayern 1. Die Blaue Couch ist aus blauem Leder, auf den Polstern ist das Bayern 1-Logo. Sie steht in der Bayern 1-Redaktion, direkt vor dem Sendestudio. Viele namhafte Zeitgenossen haben hier schon zum Interview Platz genommen: Schauspieler, Sänger, Politiker, Wirtschaftsführer, Wissenschaftler, Publizisten oder Spitzensportler.

tim-lebebrechtAll diese Beispiele zeigen, dass jedes Zeitalter eigene Formen, Formate und Farben hervorbringt. Unsre Aufgabe ist es, die uns umgebende neue Welt mit unsren heutigen Mitteln und Möglichkeiten neu zu gestalten. Die Zukunft scheint weiblich und „blau“ zu sein. Das ist übrigens auch die Farbe des Buchcovers von Tim Leberecht, der den Bestseller „Business-Romantiker“ (Droemer) geschrieben hat.

Im 18. Jahrhundert wurde Blau zur Lieblings- und Sehnsuchtsfarbe: Novalis erfand die Blaue Blume, und der englische Spätromantiker Lord Byron dichtete: „Roll on, thou deep and dark blue ocean …“ Von dieser tieferen Warte aus lassen sich gute Gründe für einen gelasseneren Blick auf die Zukunft finden – auch wenn es zuweilen schwer fällt in einer immer dunkler werdenden Gegenwart.

Weitere Informationen
Abdrücke hinterlassen und Fühlung aufnehmen: Was Medien und Matratzen heute verbindet

Literaturempfehlungen
Tim Leberecht: Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben. Droemer Verlag, München 2015.

Dr. Alexandra Hildebrandt: Mit kleinen Schritten die Welt verbessern: Nachhaltig denken und handeln von A bis Z. Amazon Media EU S.à r.l., Kindle Edition 2016.

Irene Nierhaus / Kathrin Heinz (Hg.): Matratze/Matrize. Möblierung von Subjekt und Gesellschaft. Konzepte in Kunst und Architektur. transcript Verlag, Bielefeld 2016.


Copyright Steffi Henn

Copyright Steffi Henn

Autorin Dr. Alexandra Hildebrandt ist Nachhaltigkeitsexpertin und Wirtschaftspsychologin. Sie studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaft. Anschließend war sie viele Jahre in oberen Führungspositionen der Wirtschaft tätig. Bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik und Kommunikation bei der KarstadtQuelle AG (Arcandor). Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) war sie von 2010 bis 2013 Mitglied der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs „CSR-Manager (IHK)“. Alexandra Hildebrandt ist Sachbuchautorin, Hochschuldozentin, Herausgeberin und Mitinitiatorin der Initiative www.gesichter-der-nachhaltigkeit.de. Sie bloggt regelmäßig für die Huffington Post zu Nachhaltigkeitsthemen und ist Co-Publisherin der Zeitschrift „REVUE. Magazine for the Next Society”.

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