Schöne neue Arbeitswelt: Von Stilblüten, Worthülsen und Labs

Gute Arbeit. Nie waren sie so wertvoll wie heute: Lebenskünstler, die sich nicht als Verwalter ihrer Existenz begreifen, sondern als innerlich unabhängige Gestalter. Was sie hervorbringen, verdanken sie ihrem Können, wozu es allerdings ständige Übung braucht.

Sie sind Handwerker ihres eigenen Lebens und gehen einfach „ans Werk“. Die schöpferische Dimension des Begriffs ist auch im altgriechischen „ergon“ (Werk) verborgen – darin steckt „energeia“ (Verwirklichung, Vollendung). Um etwas hervorzubringen, müssen sie keine künstlichen Welten aufsuchen, sondern nehmen die Realität so, wie sie ist. Die Natur ist ihnen dabei ein guter Wegweiser. Seltsame Blüten treibt allerdings derzeit eine Entwicklung, die den Lebenskünstlern fremd sein dürfte und mit einer echten Könnensgesellschaft wenig zu tun hat.

Zwischen Wasserpistolen und Plastiktieren

Vor allem in Großunternehmen boomen die so genannten Innovations- und Kreativlabs, physische oder virtuelle Räume, in denen der Austausch von Wissen, Ideen und Informationen im Fokus steht.

In der Ideenschmiede (Business Intelligence) der Hamburger Otto Group, einem luftigen Großraum mit kleinen Gesprächsinseln, stehen Ohrensessel in „Star Trek“-Optik. Morgens gibt es hier eine Aufwärmrunde, „für die auf einer Balustrade bunte Hütchen bereitstehen. Zwischen den Schreibtischen liegen Wasserpistolen und gelbe Plastiktiere.“ (Capital 4/2015)

db-vertrieb_lab_galerie_01Viele Vorstände verweisen gern auf die Labs in ihren Unternehmen, weil sie damit auch demonstrieren, dass sie am Puls der Zeit sind. So berichtet Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Bahn AG und DB Mobility Logistics AG im Buch „Das agile Unternehmen „Wie Organisationen sich neu erfinden“ (von Kai Anderson und Jane Uhlig, Campus Verlag 2015), dass sie solche Labs, „Laboratorien für die digitale Zukunft“ (zukunftslabor d.lab) aufgebaut haben: ein Mobilitäts-Lab in Frankfurt, ein Infrastruktur-Lab an der Berliner Jannowitz-Brücke, ein Transport-Logistik-Lab in Dortmund, ein Lab für Produktion und für IT und Arbeitswelten 4.0. „Das sind abgeschirmte Räume oder Gebäude, die wir für den Spirit der Turnschuhgeneration und Start-up-Mentalitäten öffnen wollen. Wir haben uns dabei durchaus vom Silicon Valley inspirieren lassen.“ Das bedeutet konkret, dass ein „Dutzend Bahn-Mitarbeiter“ 2014 das Silicon Valley bereiste, „um Gründeratmosphäre zu schnuppern und Entwicklergeist mitnehmen zu können“.

Danach hatten sie laut Peter Schütz die Erkenntnis: „So geht es nicht weiter.“ (Handelsblatt Wochenende, 30.4. bis 3.4.2015) Was folgte, waren äußere „Anpassungen“: So schmückt der berühmte Satz von Steve Jobs „Stay hungry, sty foolish“ das Lab. Glühlampen finden sich unter Sonnenschirmen, „garniert mit Plastikranken“ (Handelsblatt Wochenende, 30.4. bis 3.4.2015), Laptops befinden sich auf Ikea-Arbeitsplatten. Und auch ein bunter Stoffpapagei gehört zum Inventar.

Räume schaffen für Träume

Was diesen Scheinwelten häufig fehlt, sind die „Regeln der Garage“, die viele Unternehmensgründer für sich formuliert haben, die ihre Ideen einem Traum verdanken. Bevor Unternehmen Labs errichten, sollten sie dazu beitragen, dass Mitarbeiter und Führungskräfte wieder träumen können. Denn wer nicht träumen kann, ist auch nicht in der Lage, sich, seine Organisation oder die Welt zu verändern.

karl lagerfeldAuch wenn der Designer Karl Lagerfeld im Gegensatz zu denen, die in solchen Kreativräumen arbeiten, ein „Luxusleben“ führt, so lässt sich von ihm allerdings eines lernen: dass jeder ein Lebenskünstler sein kann. Kreative wie Lagerfeld brauchen auch keinen Stoffpapagei, weil sie selbst der Taubenschlag sind. Je mehr er macht, desto mehr Ideen hat er auch. Sein Gehirn bezeichnet er als einen Muskel und sich selbst als eine Art geistiger „Bodybuilder“.

Inspiration braucht allerdings auch Stille und Einsamkeit (für Lagerfeld der „Höhepunkt des Luxus“) – erst dann kann man aus seinen Träumen schöpfen. So waren nach eigener Aussage seine besten Kollektionen die, die er beispielsweise im Morgengrauen im Traum gesehen und nach dem Aufwachen direkt aufgezeichnet hat. An seinem Beispiel zeigt sich, dass Ideen „kommen“, wenn Beruf und Berufung verschmelzen. Sie können nicht „bestellt“ werden. Vermutlich würde sich Lagerfeld über einige Kreativlabs amüsieren, denn man kann nicht sagen: „Morgen früh hätte ich gern eine Idee, und dann kommt sie einfach. Sie kommen, wann sie kommen wollen“

Träume und Ideen leben nach Ansicht des Designers ihr eigenes Leben und „sind so unabhängig von einem wie eine bestimmte Schöpferkraft, die mal stark ist und schwach.

Statt Lab-Kultur lässt sich auch aus Lagerfelds Leb-Kultur lernen.

Dazu gehört bei Karl Lagerfeld, keinen Alkohol zu trinken und keine Drogen zu nehmen – „so bleibt der Kopf klar“ ausreichend Schlaf (Lagerfeld schläft jede Nacht sieben Stunden ohne aufzuwachen) den Tag abzuschließen vor dem Schlafengehen sich täglich Stunden mit dem Lesen von Büchern und Zeitschriften beschäftigen nicht darauf zu warten, von der Muse geküsst zu werden, sondern sich ihr durch kontinuierliches Arbeiten zu stellen (dann kommen ihm die besten Ideen) sich Gruppenzwängen zu verweigern immer etwas Neues zu schaffen, was voraussetzt, dass man sich für alles interessieren muss und nicht nur in eine Richtung gehen darf nie zufrieden zu sein, denn Selbstgefälligkeit ist furchtbar.

Es braucht von uns keine Reisen ins Silicon Valley

Um sich dem Geheimnis der Kreativität und Innovation anzunähern, braucht es keine Reisen ins Silicon Valley oder lange Bärte, denn der Mensch bleibt innen gleich. Wer kreativ ist, ist es zu jeder Zeit und an jedem Ort. Wem das Schöpferische fehlt, erhält es auch nicht durch äußere Impulse. Unternehmen sollten vielmehr Bedingungen schaffen, die ein ständiges gutes Arbeiten in einem natürlichen Umfeld ermöglichen. Hier lässt sich vor allem von soliden Mittelständlern mit einer nachhaltigen Firmenphilosophie lernen:

„Unternehmen, die sich nach außen modern und innovativ präsentieren und nach innen ‚verstaubt‘ und altmodisch handeln, sind meiner Ansicht nach nicht glaubwürdig. Wenn in einem Hochglanzpalast mit Designermöbeln und modernster Technik der Mitarbeiter zu kurz kommt und die Zusammenarbeit schwierig ist, passt etwas nicht zusammen. Manch einer mag unseren naturnahen Stil gerade bei der Büroeinrichtung als überholt empfinden, aber er repräsentiert das, was wir sind – ehrlich, glaubwürdig und bodenständig“, sagt Claudia Silber, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der memo AG.

csm_memo_Web_d63574fdeb1995 wurde der Firmenstandort vom Würzburger Stadtzentrum ins Gewerbegebiet der Gemeinde Greußenheim verlegt. Er liegt sprichwörtlich „auf der grünen Wiese“. Daran angrenzend hat die Gemeinde ein kleines Biotop angelegt. Die Errichtung des Firmengebäudes erfolgte nach gesundheits- und umweltverträglichen Kriterien. Solche naturnahen Firmenareale leisten einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt und haben eine wichtige Vorbildfunktion für die Gesellschaft.

„Ein angenehmes Arbeitsumfeld trägt entscheidend zur Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit der Mitarbeiter bei. Deshalb sind Firmengebäude, Außenanlagen und Arbeitsplatzqualität für memo entscheidende Aspekte einer nachhaltigen Wirtschaftsweise“, heißt es im memo Nachhaltigkeitsbericht 2015/2016.

Wie naturnahe Firmengelände unsere Arbeitswelt prägen

Die folgenden Beispiele der memo AG zum „natürlichen“ Wohlbefinden der Mitarbeiter zeigen zugleich Möglichkeiten zur Förderung von Kreativität und Innovation in Unternehmen: Ein Naturgarten rund um das Firmengebäude ist mit einheimischen Wildblumen, Sträuchern und Bäumen bepflanzt. Ein Teil der Wiese wird in der warmen Jahreszeit nicht gemäht, um Bienen und anderen Insekten wertvollen Lebens- und Nahrungsraum zu geben.

Bei schönem Wetter stehen den Mitarbeitern in den Pausen eine bestuhlte Terrasse zum Entspannen und eine große Rasenfläche für sportliche Aktivitäten zur Verfügung. Sie ist mit Gartenmöbeln aus dem eigenen Sortiment bestückt und wird im Sommer auch für Besprechungen genutzt. An kalten oder regnerischen Tagen werden die Pausen in den Wintergarten verlegt, wo sich ein Cafeteria-Bereich mit einer voll ausgestatteten Küche und bequemen Sitzmöglichkeiten befindet. In allen Büroräumen und in der Cafeteria befinden sich für die dortigen Raum- und Lichtverhältnisse ausgewählte Pflanzen, die das Arbeitsumfeld verschönern und das Raumklima verbessern. Die Bürowände wurden mit recycelten Papierfasern gedämmt, die hochwärmeisolierenden Fenster sind aus heimischen Hölzern.

Es gibt im Gebäude atmende, gewachste Parkettböden und Naturfarben für die Wände.

Ergonomische Naturholzmöbel aus dem eigenen Produktsortiment sollen eine optimale und motivierende Arbeitsumgebung für die Mitarbeiter schaffen. Die Mitarbeiter erhalten kostenloses Obst und Gemüse aus regionalem, saisonalem und biologischem Anbau. Einige von ihnen haben in Eigeninitiative einen kleinen Garten für die Mitarbeiter auf dem Firmengelände angelegt, der zur Erntezeit frischen Salat, Gemüse und Kräuter liefert. Eine Mitarbeiterin mit entsprechender Zusatzausbildung bietet während der Arbeitszeit kostenlose Massagen an. Der Entspannungs- und Freizeitraum des Unternehmens bietet die Möglichkeit für kleine Pausen oder eine Partie Tischtennis.

Nachhaltigkeit ist mehr als ein Slogan oder eine bunte Anzeige.

„Mensch und Arbeitsplatz in Harmonie“ lautet eine Headline im memo Nachhaltigkeitsbericht. Sie zeigt zugleich, worum es in der Diskussion um moderne Arbeitswelten geht. „Nur mit Plastikblumen oder dem Logo in grün ist es nämlich nicht getan“, bestätigt der Experte für digitale Kommunikation Tobias Loitsch, den dies auch ans Greenwashing erinnert. Denn Nachhaltigkeit ist mehr als ein Slogan oder eine bunte Anzeige.

Als Gründer des StartUps HarmonyMinds, hat Tobias Loitsch eine Medien- und Informationsplattform geschaffen die „Achtsamkeit und Nachhaltigkeit“ mit aktuellen Lifestyle Themen verbindet und im deutschsprachigen Raum in der Art und Weise so als wegweisend gilt. Es finden sich hier zahlreiche Beispiele für die inneren und äußeren Bedingungen, die es braucht, um auch gute Arbeit leisten zu können. Experimentierorte wie Labs können dazu sicher einen entsprechenden Beitrag leisten, wenn sie sich von innen heraus entwickeln, aus dem Wollen und Können des Einzelnen und den Bezug zur Wirklichkeit und zur Natur nicht verlieren.

Ein Stoffpapagei könnte in einem solchen Umfeld mit einer sinnvollen Bedeutung aufgeladen werden statt nur ein Spaßfaktor für Erwachsene zu sein. Während Nachhaltigkeitsunternehmen das Engagement für biologische Vielfalt in ihre Arbeit und Umgebung integrieren, könnte im Lab beispielsweise eine wichtige Botschaft hängen, die der 2015 verstorbene schwedische Autor Henning Mankell in seinem letzten Buch „Treibsand“ formulierte:

„Die Ausrottung von Tieren ist ein Preis für unsere Art zu leben. Und die Ausbeutung des Erdballs schreitet mit unverminderter Geschwindigkeit voran, auch wenn das Problembewusstsein heute unendlich viel höher ist als vor zehn oder zwanzig Jahren… Kann eine Vogelart … so wichtig sein? Ja. Wenn es um die Vielfalt geht, gibt es keine Einschränkung.“

Wer selbst fliegen will und in den Labs aus Plastik und Stahl mit den Flügeln schlägt, sollte zuerst die Natur kennen und lieben, denn der Aufprall in Scheinwelten kann nicht nur sehr hart sein, sondern auch blind machen für die Wirklichkeit.

Weiterführende Verweise
Wege zum naturnahen Firmengelände: 21 Ideen für mehr Artenvielfalt auf Unternehmensflächen: von einfach bis aufwendig. Bundesamt für Naturschutz (BfN)

Harmonie in der ruhigen Zeit des Jahres. Wie wir der „Killerwirtschaft“ entkommen können.

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Copyright Steffi Henn

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Autorin Dr. Alexandra Hildebrandt ist Nachhaltigkeitsexpertin und Wirtschaftspsychologin. Sie studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaft. Anschließend war sie viele Jahre in oberen Führungspositionen der Wirtschaft tätig. Bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik und Kommunikation bei der KarstadtQuelle AG (Arcandor). Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) war sie von 2010 bis 2013 Mitglied der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs „CSR-Manager (IHK)“. Alexandra Hildebrandt ist Sachbuchautorin, Hochschuldozentin, Herausgeberin und Mitinitiatorin der Initiative www.gesichter-der-nachhaltigkeit.de. Sie bloggt regelmäßig für die Huffington Post zu Nachhaltigkeitsthemen und ist Co-Publisherin der Zeitschrift „REVUE. Magazine for the Next Society”.

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