Deutsche Wertarbeit: Küche und Handwerk im Zeitalter der Digitalisierung

Deutsche Wertarbeit: Küche und Handwerk im Zeitalter der Digitalisierung

Das Handwerk tut sich schwer mit der Digitalisierung. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Digitalverbands Bitkoms und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks: Zwar gaben sich die meisten befragten Unternehmen aufgeschlossen, doch digitale Technik wird bislang nur von wenigen eingesetzt.
Aktuell nutzen
– 9 Prozent der Handwerksbetriebe 3-D-Anwendungen
– 3 Prozent der Betriebe Roboter
– 2 Prozent der Betriebe Drohnen
Die Digitalisierung sehen
– 69 Prozent der Betriebe als Chance
– 56 der Betriebe als große Herausforderung
– 23 Prozent der Betriebe als existenzgefährdend
(Quelle: Umfrage von Bitkom/Zentralverband des Deutschen Handwerks, März 2017).

„Digitalisierte Strukturen beispielsweise in Baugewerbe, Handwerk (!) oder Pflege sind uns größtenteils noch gar nicht bekannt (aber in den Startlöchern)“, schreibt Philipp Riederle in seinem aktuellen Buch „Wie wir arbeiten und was wir fordern. Die digitale Generation revolutioniert die Berufswelt“, in dem er unter anderem nachweist, dass die Digitalisierung Handwerker nicht so schnell ins Hintertreffen bringen wird, „denn smarte Tools oder Roboter können helfen, aber nicht übernehmen“!
Auch wenn die Akademisierung bei der steigenden Komplexität des digital-globalen Marktes heute wichtig und notwendig ist, so dürfen die handfesten Ausbildungsberufe nicht ins Hintertreffen geraten: „Was nützen uns all die Management-Profis, wenn es an Handwerkern, Metzgern oder Klempnern mangelt – wir also im täglichen Leben aufgeschmissen sind und es immer weniger zu managen gibt?“
Er plädiert dafür, dass die duale Ausbildung und die damit verbundenen Berufe dringend den aktuellen Gegebenheiten angepasst und stärker gefördert werden. Vor allem geht es darum, Handwerk, Technik und Unternehmensorganisation mit dem schnelllebigen Markt und der damit zusammenhängenden neuen Arbeitswelt zu verbinden.
Die Küchenbranche gehört zu jenen Bereichen, der es gelingt, Tradition und Innovation erfolgreich zu vernetzen: Handwerk 2.0.
Deutschland gilt als Küchenbauerland Nummer eins. Das hat sich auch im Digitalisierungszeitalter nicht geändert. Auch die „Küchenwerkstatt“ hat überlebt, weil sie das Alte und Neue nachhaltig verbindet und aus einer „Gedankenwerkstatt“ hervorging: Hier wird heute nicht mehr nur geschraubt und gewerkelt – es stehen vor allem Ästhetik, Komfort und Kochen im Fokus. Frank Schwab ist Inhaber der Küchenwerkstatt im österreichischen Götzis. Hier lernte er das Tischlerhandwerk „von der Pieke“ auf und verbindet es mit der aktuellen Entwicklung, in der das traditionelle Handwerk nicht verschwindet.

Auch Ulrich Meyer-Bröcker vom Unternehmen Meyer Holzbearbeitung, das seit 1978 mit Häcker Küchen zusammenarbeitet, hat mit einer Tischlerei begonnen, bevor er zu einem erfolgreichen Dienstleister der Möbel- und Küchenindustrie wurde. Sämtliche Arbeitsschritte, vom Zuschnitt über die Bekanntung bis hin zur eigenen Lackiererei werden hier mit einem modernen Maschinenpark abgebildet – dennoch stehen das Handwerk und die Bedeutung des Haptischen noch immer im Mittelpunkt. Beispielsweise bei der abschließenden Qualitätskontrolle, wenn das geschulte Auge Maserung und Oberfläche beurteilt und die fließenden Handbewegungen die Front perfekt lackieren.
Händler und Endkunden wollen Qualität und Erscheinungsbild nicht nur mit den Augen, „sondern auch mit den Fingerspitzen wahrnehmen“, bestätigen Produktentwickler bei Häcker. Berühren, begreifen und bewegen gehören noch immer zusammen, wenn es darum geht, die kleine und große Welt zu gestalten.

Zwischen Google und Facebook bewegt sich auch David Rafter, Geschäftsführer von arena kitchen architecture. Das Unternehmen wurde 1989 als reine Tischlerei gegründet, die selbst Küchen fertigte. Dann folgte die Erweiterung, denn: „Irgendwie ist die Küche ja auch eine Art Arena, wenn man sich das Haus wie ein Theater vorstellt, dann findet hier die Kommunikation statt, geht es mal um Freude, dann um Drama“, so Rafter. Die Küche rückt heute immer mehr in den Mittelpunkt der Wohnung und des Lebens. Das erlebt die Häcker Küchen GmbH & Co KG, der drittgrößte Küchenmöbelhersteller Deutschlands, auch bei seinen Händlern und Endkunden. Deshalb beschränkt man sich hier bei der Hausmesse nicht nur auf die Präsentation von Küchensituationen, „sondern bezieht auch die weitere Umgebung und ganze Wohnräume ein“, sagt Markus Sander, Geschäftsführer Häcker Küchen.
Hier erlernen junge Menschen unter anderem den Beruf des Holzmechanikers: „Wir haben alle noch mit Lego gespielt, wussten, wie man konstruktive Verbindungen herstellt, wie man Dinge sicher und belastbar zusammenfügt“, wird im Kunden- und Mitarbeitermagazin WORK ein Ausbildungsleiter zitiert. Damit verweist er zugleich auf die Bedeutung von Small Data heute: Auch der der internationale Marketingexperte Martin Lindstrom hatte als Kind mit den Lego-Bausteinen gespielt, später engagierte ihn das Unternehmen als Modellbauer. 2004 wurde er dann Berater von LEGO. Nachdem sich das Unternehmen 2003 in einer Krise befand, weil Experten seit Jahren prophezeiten, dass lieber mit PCs spielen würden, folgte eine wichtige Erkenntnis:
Nachdem 2004 ein Junge aus Deutschland, auf ein ausgetretenes Paar Turnschuhe zeigte, die sichtbar machten, dass er der beste Skateboarder seiner Stadt war, erkannte das LEGO-Team, dass sich Kinder unter Gleichaltrigen ein soziales Prestige aufbauen, indem sie spielend in einer von ihnen gewählten Fertigkeit ein entsprechendes „Können“ (!) erlangen. Ist die Fertigkeit lohnend, widmen sie sich so lange ihrer Aufgabe, bis sie sie richtig beherrschen. Es ging den Kindern darum, sie zu bewältigen und etwas Greifbares zu erhalten.

Können und Meisterschaft haben auch für Häcker Küchen eine enorme Bedeutung. Hier hat es noch niemals einen Auszubildenden gegeben, der untauglich war: „Jedem, der hier einen ordentlichen Abschluss macht, steht die Möglichkeit offen, ein paar Meter weiter in der Produktion in einem festen Arbeitsverhältnis übernommen zu werden“, heißt es in einer Unternehmenspublikation.
In der hochtechnisierten Produktion geht es zwar um das Bedienen der Maschinen – dennoch soll den Auszubildenden eine möglichst breite Basis mitgegeben und der Werkstoff Holz nahegebracht werden, um auf diese Weise ein Grundverständnis für Nachhaltigkeit und handwerkliche Fähigkeiten mitgeben zu können.
Immer mehr namhafte Küchenhersteller bieten inzwischen Küchenmöbel an, die den Anforderungen der Nachhaltigkeit entsprechen: Sie nutzen Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Ebenso wird bei der Oberflächenveredelung auf nachhaltige Aspekte geachtet: Formaldehyd, Styrol und andere Binde- und Lösungsmittel, die bei der Herstellung der meisten Span- und Faserplatten zum Einsatz kommen, reizen beim Ausdunsten nicht nur die Schleimhäute und haben sich mitunter sogar als krebserregend herausgestellt, sondern sind auch schlecht für die Atmosphäre. Viele Hersteller verwenden deshalb wasserbasierte Lacke, zudem werden zunehmend lösemittel- und schadstofffreie Methoden bei der Verleimung von Holzwerkstoffen angewandt. Dadurch wird das Raumklima durch weniger Ausdünstungen der Möbel verbessert und die Umwelt geschont – sowohl bei der Produktion als auch beim späteren Recycling ausgemusterter Küchenmöbel.
Woran nachhaltig produzierte Küchenmöbel zu erkennen sind
Blauer Engel

Der Blaue Engel ist die erste und älteste umweltschutzbezogene Kennzeichnung der Welt für Produkte und Dienstleistungen. Er wurde 1978 auf Initiative des Bundesministers des Inneren und durch den Beschluss der Umweltminister des Bundes und der Länder ins Leben gerufen. Seit dem ist er ein marktkonformes Instrument der Umweltpolitik, mit dem auf freiwilliger Basis die positiven Eigenschaften von Angeboten gekennzeichnet werden können.
www.blauer-engel.de

LGA schadstoffgeprüft

Beim Siegel „LGA schadstoffgeprüft“ handelt es sich um eine Auszeichnung, die durch den TÜV Rheinland vergeben wird. Laut Stiftung Öko-Test sollen die Vergabeansprüche für Produkte und Hersteller allerdings darüber hinaus nicht besonders hoch sein. Das Label wird nur als „bedingt hilfreich“ eingestuft.

Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes (PEFC)

PEFC ist das bekannte Zertifikat, das garantiert, dass die Rohstoffe für Holzmöbel aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern stammen. Das Siegel versteht sich selbst als globaler „Wald-TÜV“ und hat die flächendeckende Entwicklung von strengen Umweltstandards in der Forstwirtschaft zum Ziel.

https://pefc.de/

Forest Stewardship Council® (FSC®)

Die internationale, gemeinnützige Organisation setzt sich mit ihrem gleichnamigen Zertifizierungssystem für die nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern ein. Durch die Mitgliedschaft von Nicht-Regierungs-Organisationen, Unternehmen und Verbänden vereint der FSC® ökonomische, ökologische und soziale Interessen.
www.fsc-deutschland.de

ÖkoControl

Dahinter steht der Verband der Ökologischen Einrichtungshäuser. Dieses Zeichen wird nur an Bio-Möbel aus Massivholz oder hochwertigen Holzwerkstoffen vergeben, die auch ausschließlich mit natürlichen Produkten behandelt wurden.

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