Warum in einer Kultur des Weniger auf die guten Dinge nicht verzichtet werden soll.

Beim Minimalismus geht es nicht darum, Dinge zu zählen, sondern darum, für Dinge Platz im Leben zu schaffen, die uns wirklich wichtig sind. Davon erzählt die Kreativdirektorin und Autorin Lina Jachmann in ihrem Buch „Einfach leben“. Der Titel verweist darauf, was Minimalismus in erster Linie bedeutet. Dabei bestimmt jeder selbst, wie viel es wovon sein darf, denn feste Regeln gibt es nicht, auch kein schwarz-weiß.

Das Thema ist bunt, lebendig und individuell. Für viele Menschen, von denen auch einige im Buch vorgestellt werden, ist Minimalismus heute eine Chance, das eigene Leben wieder in den Griff zu bekommen, Überblick und Kontrolle darüber zu gewinnen. Damit verbunden sind folgende Fragen:

  • Wie, mit wem und womit möchte ich leben? Macht mich das glücklich?
  • Womit verbringe ich meine Zeit?
  • Wie viel Geld gebe ich dafür aus?
  • Wie kann ich mein Leben entrümpeln und mich von Überflüssigem befreien, um mich wieder fokussieren und innere Autonomie erlangen zu können?

Von einem befreiten und entschleunigten Leben

Die gebürtige Hamburgerin Lina Jachmann lebt und arbeitet in Berlin und beschäftigt sich bereits seit Jahren mit den Themen Lifestyle und Zeitgeist. Ihr Interesse gilt besonders dem nachhaltigen Minimalismus und Menschen, die ihre Ideen von einem befreiten und entschleunigten Leben umsetzen. In bebilderten Homestorys und Interviews werden sie in ihrem Buch vorgestellt. Daneben sind praktische Tipps rund um die Themen Wohnen, Mode, Körper und Lifestyle enthalten.

Weniger kaufen – mehr machen

In ihrem Minimalismus-Ratgeber im Magazin-Look weist sie anhand vieler kluger Beispiele nach, wie alle Menschen von der neuen Klarheit profitieren können. Und das ohne dogmatisch zu sein und ohne erhobenen Zeigefinger. Gezeigt wird, dass DIY auch unter Minimalisten ein großer Trend ist, wie sich das Credo „möglichst viel, möglichst billig“ zu „gut und langlebig“ wandelte und warum es wichtig ist, sich für Dinge bewusst zu entscheiden, weil wir sie brauchen und lieben.

Viele Gegenstände haben für uns eine tiefere Bedeutung, weil sie mit Geschichten und Emotionen aufgeladen sind. In unserem Buch „Von Lebensdingen“ beschäftigt sich die Nachhaltigkeits- und Kommunikationsexpertin Claudia Silber und ich ebenfalls mit greifbaren und alltäglichen Dingen, die die menschliche Seele berühren und identitäts- und sinnstiftend sind. Auch wir möchten dazu beitragen, dass die Leser eine innere Haltung finden, die sie trotz der Verunsicherung trägt, und einen Lebensstil, der ihnen Freude bereitet.

Publikationen wie die genannten tragen auch dazu bei, sich mit nachhaltigen Produkten zu beschäftigen: Was macht sie aus? Wo sind sie zu finden? Was kann jeder tun, um das Leben mit der Auswahl der richtigen Dinge etwas besser zu machen?

Wie viel Besitz brauchen wir wirklich?

Der durchschnittliche Europäer besitzt etwa 10.000 Gegenstände. Ob sie wirklich alle notwendig sind, ist fraglich. Unsere Fragen gehören auch in den minimalistischen Kontext von Lina Jachmann: Was ist genug? Was brauchen wir wirklich? Worauf können wir verzichten? Wächst mit der zunehmenden Kritik an einer Technologie, die immer komplizierter wird, auch der Wunsch nach Stabilität und Dingen, die einfach zu verstehen und leicht zu benutzen sind?

Kennt die Welt da draußen nur noch Preise, aber nicht mehr den Wert der Dinge? „Immer mehr Menschen überdenken ihre Konsumgewohnheiten und wollen ein bewussteres Leben führen. Für die einen ist weniger mehr. Die anderen achten gezielter auf das, was sie kaufen, wie und wo es hergestellt wurde und welche Folgen der tägliche Gebrauch hat“, heißt es in der Pressemitteilung „Bewusst und fair Einkaufen mit memolife. Privatkundenkatalog der memo AG erschienen“ (15.3.2017).

Wie uns greifbare Dinge beeinflussen

Die hier vorgestellten Dinge stellen als wertvolles Kulturgut eine nachhaltige Alternative zum schnellen Konsum und zur Welt der Massenprodukte dar. Das Thema Dinge beschäftigt uns heute deshalb verstärkt, weil wir vielfach (nicht zuletzt durch den Einfluss der digitalen Informationstechnik) die Kontrolle über viele Aspekte unseres Lebens verloren haben und das Gefühl verspüren, es nicht mehr im Griff zu haben, wie es auch Lina Jachmann betont. Bücher über den Wert greifbarer Dinge tragen dazu bei, unsere eigene kleine Welt wieder zu überschauen und nachhaltig gestalten zu können.

Dafür braucht es einen klaren Blick und die Liebe zum Detail. Claudia Silber und ich haben in der Kindle Edition „Von Lebensdingen“ – deren Erlös vollständig HORIZONT e.V. zugutekommt, einem 1997 von der Schauspielerin Jutta Speidel gegründeten gemeinnützigen Verein, der wohnungslosen Müttern und deren Kindern schnell und unbürokratisch hilft – ein Sammelsurium der Dinge zusammengetragen, dem hier einige Zitate entliehen sind.

Sie zeigen, dass wir nur berührbar sein können, wenn wir selbst berührt werden und auch das Kleine zu schätzen wissen. Doch wir sehen es nur, wenn auch die große Welt buchstäblich in Ordnung ist:

„Die ganze Welt ist voll von Sachen, und es wird wirklich nötig, dass jemand sie findet.“ (Pippi Langstrumpf)

„Die Heimat setzt sich aus lauter verlorenen, entzogenen, verschwundenen Dingen zusammen.“(Roger Willemsen)

„Dinge, die sich besser anfühlen, die besser aussehen und besser gemacht wirken, sind auch besser.“ (Wolfgang Schmidbauer)

„Dinge, aber auch Materialien und Farben können Verweisfunktionen übernehmen und/oder zu Symbolen werden.“ (Anamaria Depner)

„Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, schwächen unsere Möglichkeiten, einsichtig zu handeln, gesund zu bleiben und unsere Intelligenz zu trainieren.“ (Wolfgang Schmidbauer)

„Die Dinge, so ist man geneigt zu sagen, erzählen Geschichten.“ (Anamaria Depner)

 

Die Bücher

Lina Jachmann: Einfach leben. Der Guide für einen minimalistischen Lebensstil. Mit Fotografien von Marlen Müller. Knesebeck Verlag, München 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.


Copyright Steffi Henn

Copyright Steffi Henn

Autorin Dr. Alexandra Hildebrandt ist Nachhaltigkeitsexpertin und Wirtschaftspsychologin. Sie studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaft. Anschließend war sie viele Jahre in oberen Führungspositionen der Wirtschaft tätig. Bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik und Kommunikation bei der KarstadtQuelle AG (Arcandor). Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) war sie von 2010 bis 2013 Mitglied der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs „CSR-Manager (IHK)“. Alexandra Hildebrandt ist Sachbuchautorin, Hochschuldozentin, Herausgeberin und Mitinitiatorin der Initiative www.gesichter-der-nachhaltigkeit.de. Sie bloggt regelmäßig für die Huffington Post zu Nachhaltigkeitsthemen und ist Co-Publisherin der Zeitschrift „REVUE. Magazine for the Next Society”.

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