Ist es notwendig, über ethisches und moralisches Handeln im digitalen Umfeld nachzudenken?

Dr. Alexandra Hildebrandt, Publizistin, Nachhaltigkeitsexpertin und Wirtschaftspsychologin im Gespräch mit Tobias Loitsch, Leiter des NeuInstituts für Technologie in Wirtschaft und Gesellschaft. Zur Notwenigkeit einer Digitalen Ethik und dem moralischen Bewusstsein in der digitalen Gesellschaft.

Herr Loitsch, welche neuen Informationstechnologien werden die zukünftige Entwicklung von Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft entscheidend beeinflussen?

Künstliche Intelligenz ist meiner Meinung nach die Technologie, welche unser Lebensumfeld besonders gravierend beeinflussen und verändern wird. Welche Auswirkungen, künstliche Intelligenz und die modernen Technologien auf unsere Zukunft haben, ist in der Wissenschaft bereits Gegenstand einer breiter Diskussionen. Dabei gibt es verschiedene Ansätze in der Einschätzung der zukünftigen Entwicklung: Einer ist, dass Menschen in ihrem Handeln weitgehend von Algorithmen mit kognitiven Fähigkeiten und Künstliche Intelligenz ersetzt werden. In der mittelfristigen Zukunft wird es jedoch darum gehen, wie sich die neuen Informationstechnologien nutzen lassen um wirtschaftliche Abläufe effektiver zu gestalten.

Es wird nicht darum gehen, den Menschen durch Künstliche Intelligenz zu ersetzten, sondern um eine Verschiebung und Automatisierung von standardisierten Tätigkeiten und Entscheidungen. Künstliche Intelligenz wird bereits jetzt in vielen Bereichen erfolgreich eingesetzt. Besonders KMU bietet der Einsatz von Tools auf Basis künstlicher Intelligent neue Möglichkeiten um Prozesse zu optimieren. Dabei ist eine besondere Stärke von künstlicher Intelligenz die Analyse von großen Datenmengen.

Können Sie einige Beispiele nennen?

Diese Fähigkeit kann etwa bei ärztlichen Diagnosen eingesetzt werden oder um wissenschaftliche Forschungsergebnisse miteinander zu vergleichen und auf diese Weise neue Erkenntnisse zu erlangen. Ein weiteres Beispiel ist das japanische Versicherungsunternehmen Fukoku Mutual Life Insurance welches einen großen Teil der Arbeit in Schadensbemessung durch IBMs Watson Software abwickeln lassen will, welche auf Künstlicher Intelligenz basiert.

Wie werden sich die Informationstechnologien der Digitalisierung und der Einsatz von Algorithmen auf die klassische Arbeitswelt auswirken?

Besonders die Veränderungen von Geschäftsmodellen und Wertschöpfungssystemen in Verbindung mit moderner Technologie werden Tätigkeiten und Aufgaben Beschäftigter immer anspruchsvoller machen. Ich sehe hierbei eine starke Fokussierung: Dabei wird es einfache Tätigkeiten, deren Rationalisierung sich ökonomisch nicht lohnt, auch in Zukunft geben. Im Gegensatz dazu werden strukturierte Tätigkeiten und standardisierte Abläufe durch digitalisierte Abläufe werden.



Benötigt werden zukünftig dagegen Menschen mit digitalen Fähigkeiten zur eigenen Förderung von Lernfähigkeit, Selbstorganisation und sozialer Kompetenz für Koordinationsaufgaben. Denn Digitale Technologien werden eine Vielzahl von Kopfaufgaben übernehmen und vieles, das heute noch von Menschen erledigt, wird von Software übernommen. Dadurch wird zukünftig eine Veränderung der Anforderungen und fachlicher Kompetenten stattfinden.

Weshalb werden Ihrer Meinung nach Fähigkeiten wie Empathie und Mitgefühl zu wichtigen Eigenschaften werden?

Sie können nicht durch Technologie ersetzt werden. Auf künstlicher Intelligenz basierende Algorithmen beispielsweise entscheiden dagegen emotionslos. So werden Fähigkeiten wie Empathie, Emotionale Intelligenz und Mitgefühl immer wichtiger werden. Zudem ermöglichen es moderne Technologien, nicht immer an einem festen Platz oder Ort arbeiten zu müssen. Neue und wechselnde Orte fördern die Inspiration und wirken sich auf die Kreativität aus. Für diese Freiheit des Einzelnen braucht es aber Vertrauen von Seiten des Arbeitgebers. Diese neue Form der Arbeit wirkt sich auch auf die Gestaltung von Räumen in Unternehmen aus, welche immer mehr zu Orten für Begegnung und Austausch werden.

Weshalb gilt der Einsatz innovativer und digitaler Technologien als Schlüsselfaktor innerhalb der komplexen Logistikprozesse?

Der Einsatz von digitalen Technologien in der Logistik ermöglicht es, Prozesse transparenter darzustellen. Dazu zählen bessere Vorhersehbarkeit und Planung, Risikoreduzierung sowie kundenspezifische Produkte. Gleichzeitig ermöglichen moderne digitale Tools mehr Flexibilität, um schneller auf Kunden und Marktanforderungen eingehen zu können.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die bessere Beherrschung und auch Reduzierung steigender Komplexität in der Prozesslandschaft. Digitalisierung ermöglicht eine bessere Vernetzung und unterstützt die Beteiligten einer Lieferkette in der reibungslosen Zusammenarbeit. Diese Vernetzung der verschiedenen Beteiligten, welche durch den Einsatz moderner digitaler Technologien ermöglicht wird, gewährleistet eine tiefgreifende Verfügbarkeit von Daten. Daraus können neue Informationen generiert werden, die für Entscheidungen eine hohe Irrelevanz besitzen.

Dieses Wissen zu Abläufen von Logistikprozessen ist eine wichtige Grundlage, um weitere innovative Ideen zu generieren. Zudem führen neue Services, etwa bei der Analyse und der Interpretation von Daten, zu mehr Kundenzufriedenheit.

Auf dieser Grundlage können neue Geschäftsmodelle entstehen

Deshalb ist eine der größten Herausforderungen in der Digitalisierung von Logistikprozessen, die Beteiligten einer Wertschöpfungskette nicht nur miteinander zu vernetzen, sondern auch darüber hinausgehende Prozesse und Arbeitsabläufe darzustellen. Damit fällt der Digitalisierung und den innovativen Tools ein Schlüsselfaktor zu und muss als Wettbewerbs relevant verstanden und genutzt werden.



Die Auswirkungen betreffen die gesamten Prozesse der Logistik sowie damit verknüpften Branchen. Gleichzeitig entstehen neue Anbieter, die auf Basis von Datenanalysen neue Geschäftsmodelle entwickeln und Services etablieren. Dazu stellt sich den traditionellen Logistikunternehmen die Frage, ob sich diese neuartigen Services mit bestehenden alten Angeboten verknüpfen lassen oder ob grundsätzlich neu gedacht werden muss.

Weshalb sind ethischen Standards für den Umgang mit Technologien und dem Verhalten in Medien notwendig?

In der Ethik geht es darum, gesellschaftliche Normen, moralisches Handeln, Prinzipien und Werte zu vermitteln. Die technologische Entwicklung und die mittlerweile vollständige Vernetzung haben der Gesellschaft neue Möglichkeiten geschaffen, um Informationen auszutauschen und damit zu interagieren. Demnach werden Medieninhalte von Nutzern nicht nur konsumiert, sondern jeder kann sich selbst präsentieren und Inhalte produzieren. Das bedeutet eine größere kommunikativer Freiheit, aber zugleich eine hohe Verantwortung.

Denn die Art und Weise, wie sich Nutzer in der digitalen Welt verhalten, welche Haltungen sie haben und wie sie mit Konflikten umgehen, ist Ausdruck eines persönlichen Ethos und einer Reflexionsfähigkeit. Der gesamte Austausch der Gesellschaft Menschheit befindet sich demnach in einem gravierenden technologischen Umbruch. Wenn dabei nach Ethik im Zusammenhang neuer Technologien gefragt wird, sollte von einer Digitalen-Ethik gesprochen werden. Zu den Merkmalen einer Digitalen Ethik kann zählen, die Auswirkungen der digitalen Technologien auf die Gesellschaft und den Einzelnen zu ermitteln und Argumente für moralisches Handeln zu erarbeiten.

Die Digitale Ethik muss durch persönliche Verantwortung und Wertesysteme definiert werden, welche sich in den Grundprinzipien einer demokratischen Gesellschaft wie Privatsphäre und persönliche Freiheit orientieren. Dabei stellt besonders die Innovationsgeschwindigkeit digitaler Technologien eine Herausforderung dar. Denn mittlerweile existieren Techniken und Geschäftsmodelle, welche von der Gesellschaft diskutiert werden.

Die Diskussion zu ethischen Fragen in dem Zusammenhang lässt auch moralische Konflikte entstehen. Welche sind das?

Beispielsweise die Blockchain-Technologie, welche als Transaktionsplattform, den Austausch von sensiblen Daten anonym und gleichzeitig transparent in dezentraler Weise ermöglicht. Könnten demokratisch legitimierte Kontrollinstanzen wie eine Zentralbank, die nach rechtsstaatlichen Grundsätzen demokratisch legitimiert werden müssen, von der Blockchain entmachtet werden? Rechtsansprüche können mit der Blockchain rechtssicher und digitalisiert ausgetauscht werden. Es muss somit abgewogen werden, ob im Zusammenhang mit Blockchain Transparenz und perfekte Anonymität höher bewertet werden sollten als rechtsstaatlich legitimierte Kontrollmechanismen zum Wohle der Allgemeinheit, wenn Geld beispielsweise für illegale Rechtsgeschäfte eingesetzt wird.

Weiterführende Informationen:

Das Interview erschien ursprünglich in der Huffington Post unter dem Titel: Warum wir eine digitale Ethik brauchen. 18.11.2017


Dr. Alexandra Hildebrandt. Nachhaltigkeitsexpertin und Wirtschaftspsychologin. Sie studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaft. Alexandra Hildebrandt ist Sachbuchautorin, Hochschuldozentin, Herausgeberin und Mitinitiatorin der Initiative www.gesichter-der-nachhaltigkeit.de.

Tobias Loitsch ist Leiter des NeuInstituts für Technologie in Wirtschaft und Gesellschaft. Dabei leistet er wissenschaftliche, operative und praktische Unterstützung zum Aufbau digitaler Geschäftsmodelle und Prozesse. Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung, dem Wandel der Gesellschaft, Mobilität und Technologien im Zusammenhang mit Emotionaler Intelligenz. Gründer und Herausgeber von: HarmonyMinds - The Mindful Revolution.

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