Interview mit Ralf Braun aus Köln

Achtsamkeit ist die Weise, die Aufmerksamkeit bewusst auf den gegenwärtigen Augenblick zu lenken, ohne vorschnell zu bewerten und zu verändern. Sie befähigt dazu, die Realität des Lebens klar wahrzunehmen und seinen Herausforderungen selbstbestimmt und angemessen zu begegnen.

Dazu heute im Interview: Ralf Braun, Achtsamkeit und Seelsorge. Er versteht sich als Begleiter seiner Klienten, der hilft, die Realität der je eigenen Erfahrung wahrzunehmen und daraus Entscheidungen und Veränderungen für das Leben zu gestalten. Dabei kommen ihm seine langjährigen Erfahrungen als Geistlicher Begleiter und Exerzitienbegleiter in der kath. Kirche zu gute.

Ralf Braun Achtsamkeit und SeelsorgeHarmonyMinds: Sie haben eine umfangreiche Erfahrung in Sachen Achtsamkeit. Wie sind Sie persönlich dazu gekommen? Gab es vielleicht dafür besondere Situationen in Ihrem Leben?

Ralf Braun: Wenn ich zurückschaue, dann bin ich eigentlich immer schon auf diesem Weg gewesen, auch wenn ich es nicht so genannt hätte. Einfach weil mir die Begriffe dafür fehlten. Mein Weg war der des christlichen Betens und Meditierens. Und dabei übte ich „Sein in der Gegenwart Gottes“. So um 2008/2009 begegnete ich dem Programm „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ (mbsr) von Jon Kabat-Zinn und machte eine Weiterbildung zum mbsr-Lehrer. Das war sehr beglückend für mich, denn darin habe ich eine neue und sehr zeitgemäße Sprache und Grammatik gefunden für das, worum ich mich schon immer bemühte: Leben im Hier und Jetzt, Leben ohne Abwertung und Verurteilung.

Das war es dann auch, was mir persönlich dazu half, endlich wichtige Entscheidungen für mein Leben zu treffen, weil ich mehr auf das schauen konnte, was jetzt dran war und was für mich dran war. Übrigens legt sich von daher dann auch nahe, dass ich mich persönlich aber auch beruflich mit der Nähe und den Parallelen von Achtsamkeit und christlicher Spiritualität beschäftige.

HarmonyMinds: Wir lesen in Medien immer mehr darüber und vielen ist der Begriff Achtsamkeit auch schon begegnet. Aber woher stammt dieser Begriff eigentlich und was bedeutet er? ralf-braun003

Ralf Braun: Der Begriff und die geprägte Praxis der Achtsamkeit stammt aus dem Buddhismus. Mir und vielen anderen Menschen im Westen ist er aber begegnet in einer säkularisierten, weltanschaulich neutralen Version eben über mbsr. Jon Kabat-Zinn definiert Achtsamkeit so: „Es ist die Weise die Aufmerksamkeit bewusst auf den gegenwärtigen Augenblick zu lenken, ohne vorschnell zu beurteilen!“ Und das ist keine bloße Technik, das ist schon eher eine Lebenseinstellung. Sicher etwas, was die Spiritualität von Menschen berührt, was aber vor oder jenseits von bekenntnishafter Religion liegt. Und es ist eine Lebenshaltung, die es einübt und ermöglicht, sein Leben freier, bewusster, selbstbestimmter zu leben.

HarmonyMinds: Was sagen Sie jemanden, der beruflich und privat sehr beansprucht ist. Wie kann ich mir die nötige Zeit und Ruhe für Achtsamkeit und Meditation in meiner Umgebung schaffen?

Ralf Braun: Er soll einfach anfangen! Meine Erfahrung ist, dass es bei den hohen Beanspruchungen gar nicht geht, dass man zuerst mal Platz für Achtsamkeit schafft. Das wäre eine zusätzliche Forderung bzw. vielleicht sogar Überforderung. Und es würde m. E. auch total gegen das mit Achtsamkeit Gemeinte stehen. Denn es geht nicht darum erst mal günstige Bedingungen für ein Tun zu schaffen, es geht vielmehr darum, sich auf eine andere und neue, eben achtsame Weise mit dem auseinander zu setzen, was gerade ist.

Der erste Schritt ist ja, überhaupt mal zu merken, es wirklich wahrzunehmen, zu spüren und zu fühlen und es wirklich „für wahr zu nehmen“, was da gerade alles so los ist. Ohne es gleich weg haben zu wollen, ohne es schön zu reden, ohne es zur „alleinigen“ Wahrheit zu erklären. Achtsamkeitspraxis ist für mich einfach eine Wahrnehmungsschule. Und anfangen, diese neue Weise zu üben, kann ich, indem ich z. B. einfach mal für nur eine Minute die Aufmerksamkeit darauf lenke, wie ich in meinem Körper die Bewegung des Atmens spüre. Auf diesen Anfang und die damit gemachte Erfahrung kann ja dann weiter aufgebaut werden und z. B. ein Kurs belegt werden.

HarmonyMinds: Kann man denn grundsätzlich sagen für wen Achtsamkeit besonders geeignet ist?

Ralf Braun: Ja: grundsätzlich für jede und jeden! Wichtigste Voraussetzung ist der Wille, sich unvoreingenommen mit sich selbst zu beschäftigen. Dann natürlich die Bereitschaft einfach mal was Neues auszuprobieren und Erfahrung damit zu machen, ohne gleich einen bestimmten Effekt zu erwarten oder alles rational durchdringen zu können. Und nicht zuletzt muss man auch gewillt sein, Mühe für das Üben aufzubringen, denn natürlich braucht das Einüben und das eigentlich lebenslange Üben der Achtsamkeit Zeit, Einsatz und auch Disziplin. Bei körperlichen und seelischen Erkrankungen ist es aber auch ratsam den Therapeuten oder die Ärztin zu fragen, ob z. B. ein mbsr-Kurs jetzt angezeigt ist.

HarmonyMinds: Was würden Sie einem Einsteiger empfehlen, macht es eher Sinn einen Kurs in einer Gruppen zu besuchen oder doch eher für sich selbst allein zu beginne?

Ralf BraunRalf Braun: Ich glaube, dass man durchaus für sich alleine mit Gewinn eine der vielen Anleitungen in Büchern oder im Internet nutzen kann. Der Vorteil eines Kurses ist es aber – und darum würde ich das einem Einsteiger immer empfehlen -, dass es Austauschmöglichkeit gibt, sowohl mit dem Lehrer/der Lehrerin, als auch mit den anderen Teilnehmenden. Und nicht zu unterschätzen ist die Unterstützung im eigenen Üben durch das Wissen darum, dass da andere genau an dem selben Punkt des Übens dran sind und vielleicht auch ähnliche Schwierigkeiten erleben.

HarmonyMinds: Und zum Abschluss unseres Interviews. Was war Ihre größte Erkenntnisse oder Erfahrungen seitdem Sie sich mit Achtsamkeit beschäftigen?

Ralf Braun: Für mich war es die großartige Erfahrung, dass ich JETZT leben kann, ohne ständig bei den Schatten der Vergangenheit zu hängen, ohne mich an meinen eigenen Ansprüchen und den Erwartungen anderer abarbeiten zu müssen und ohne sorgenvoll in die Zukunft zu spekulieren. Und wunderbar war dabei, dass ich ganz neu erleben konnte, was ich in meinem christlichen Glauben immer gesucht hatte und was sich jetzt mit der Achtsamkeit verband: Ich habe durch die Achtsamkeitspraxis vermittelt erlebt, was es heißt bewusster, selbstbestimmter und freier zu leben!

Danke für das Gespräch.

Wenn Sie mehr über Ralf Braun und sein Angebot erfahren möchten, schauen Sie vorbei unter: www.achtsamkeit-seelsorge.de

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