Die Rückkehr des Analogen. Trotz oder gerade wegen der Digitalisierung?

Mit fortschreitender Digitalisierung wächst heute nicht nur die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Wahrhaftigkeit und Achtsamkeit an, sondern auch die Rückbesinnung auf Analoges, auf greifbares Erleben und echte Dinge. Die Faszination und Vorliebe dafür sind heute ein letzter Rest, der eine Gegenmacht zur Rationalisierung der Gesellschaft darstellt.

Der Wert des Handschriftlichen und die Briefkultur

Spätestens seit der Veröffentlichung des Buches „Analog ist das neue Bio“ von Andre Wilkens kehrte das Analoge ins gesellschaftliche Bewusstsein zurück. Das war 2015. Damals boomten Malbücher für Erwachsene, der Wert des Handschriftlichen und die Briefkultur wurden wieder entdeckt, aber auch Notizbücher und Brettspiele. Am 12. April 2017 erschien in DIE ZEIT ein Beitrag von Ulrich Stock mit dem Titel „Endlich offline“, der diese Entwicklung nach zwei Jahren etwas verspätet aufgreift, aber bestätigt, dass uns struppige Gegenstände (das gilt auch für Geschichten, die nicht glatt sind) mehr herausfordern als die „devote Siri im iPhone“. Der Beitrag bestätigt einmal mehr, dass analog das neue Bio sein wird, denn das Analoge (das die Sinne anspricht und das Herz erwärmt) wird „morgen rarer und teurer sein“ als gestern wegen kleinerer Stückzahlen.

Handlettering, Poesie und sinnliches Design

Es lohnt sich, einen Blick auf die aktuelle Entwicklung im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext zu werfen, in dem Dinge, Geschichten und Nachhaltigkeit miteinander verbunden sind – im Kleinen und im Großen: Jeannette Mokosch, die auch zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit gehört, arbeitet in den Bereichen Handlettering, Poesie und sinnliches Design. Bereits 2009 hatte sie das Bild im Herzen, „Dinge zu entwerfen“ und ihre Träume zu verwirklichen. Sie gehört heute zu den gefragtesten Kalligrafie-Künstlerinnen in Deutschland.

Etwas Analoges zu tun und sich selbst abzustöpseln

Johanna Basford

Auch Nachhaltigkeitsportale reagierten auf diesen Trend: So findet sich auf memolife, einer Plattform für nachhaltigen Konsum, eine ausführliche Beschreibung nebst Verweis auf nachfüllbare Kalligrafie-Füller aus deutscher Herstellung. Auch das Malbuch für Erwachsene „Mein geheimnisvoller Dschungel“ der Schottin Johanna Basford, das in Großbritannien und in Amerika wochenlang in der Top Ten-Bestsellerliste von Amazon stand, findet sich hier (FSC-zertifiziert). „Ich denke, es ist einfach sehr erholsam, etwas Analoges zu tun und sich selbst abzustöpseln“, erklärt Basford ihren Erfolg. Ausmalbücher sind für sie „eine Art Entgiftungskur vom Digitalen“.

Im Zeitalter der Algorithmen wird auch der Zufall wieder geschätzt, der ebenfalls mit haptischen Dingen und der Freude am Spiel verbunden ist: Bereits im 15. Jahrhundert hatte Nikolaus von Kues (Cusanus) das Spiel, den lodus globi, erfunden und ausgedeutet: Es besteht darin, handgroße Holzkugeln, die uneben ausgehöhlt sind, möglichst nahe an einen zentralen Zielpunkt heran zu werfen. Sie sind jedoch so konstruiert, dass sie eiern. Das gerade Erreichen eines Zieles passt demnach nicht ins menschliche Leben.

Eine der wichtigsten Aspekte bei der Rückkehr des Analogen

Wer sich auf das Spielen einlässt, weiß, dass der Ausgang ungewiss ist, aber das Gemeinschaftsgefühl gestärkt wird. So finden sich auf der genannten Nachhaltigkeitsplattform auch Huthüpfspiele, Steinbaukästen und Holzpuzzle sowie Story Cubes: Drei Geschichten-Würfel mit witzigen Symbolen dienen als „Geschichtengenerator“ für fantasievolle Erzählungen. Neue Kombinationen ergeben immer neue Storys.

Huthüpfspiel von memolife

Damit ist einer der wichtigsten Aspekte bei der Rückkehr des Analogen angesprochen: Die Dinge geben uns unsere Geschichte(n) zurück, ohne die wir unsere digitale und analoge Welt nicht wirklich begreifen und gestalten können. Wer auf das Erzählen von Geschichten verzichtet, schwächt seine Möglichkeiten, einsichtig zu handeln und seine Intelligenz zu trainieren. Wer nachhaltig handelt, hat die Dinge und die Geschichten dahinter buchstäblich begriffen.

Morten Harket, Sänger der norwegischen Popband A-ha, wirft in seiner Autobiographie „My Take On Me“ nicht nur einen Blick auf sich selbst, sondern auch darauf, „was hinter den Dingen liegt“ und was einen Menschen letztlich ausmacht: Er zeigt, worum es im Leben geht: „die Balance zu finden und den Dingen, die wirklich wichtig sind, genügend Freiraum zu verschaffen.“ Es ist ein Buch, das auf wunderbare Weise begreifbar macht, dass die Beziehung zu Menschen und Dingen nicht von der eigenen biographischen und kollektiven Geschichte zu trennen sind. Am wichtigsten ist dabei die Erfahrung handelnder Selbstwirksamkeit, die Morten Harket immer beibehalten hat: „Nichts wird mich daran hindern, die Dinge selbst zu entdecken!“

Weiterführende Literatur:
• Morten Harket: My Take On Me. Edel Germany GmbH, Hamburg 2016.
Andre Wilkens: Analog ist das neue Bio. Metrolit Verlag 2015.
Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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